Über Guantánamo Bay ist alles gesagt worden
Über Guantánamo ist alles gesagt worden
Doppelmoral zerstört täglich das Leben unschuldiger Menschen
Kaum ein Thema hat die öffentliche Meinung in den vergangenen Jahren so gespalten, wie Guantánamo Bay, das US-amerikanische Internierungslager auf Kuba.
Während die einen in dieser Einrichtung die Manifestation der Menschrechtsverletzungen des Westens im Krieg gegen den Terror sehen, halten sie andere für unabdingbar, um der Gefahr durch islamistischen Terrorismus entgegen zu wirken.
In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen rücken die grausamen Verhörmethoden und völkerrechtswidrigen Inhaftierungen der Insassen in den zeitweisen Fokus der Öffentlichkeit. Doch ebbt dieses Interesse in eben dieser Modalität wieder ab, wie es heraufbeschworen wird.
So unternahm beispielsweise das US-Repräsentantenhaus vor kurzem die Anstrengung Teile der auf Kuba praktizierten “harten Verhörmaßnahmen” zu verbieten. Einer der hauptsächlichen Zankäpfel war dabei das sogenannte “water boarding” - also das simulierte Ertränken von Gefangenen.
Der entsprechende Text wurde schließlich mit einem Votum von 222 gegen 199 Stimmen von den Abgeordneten anerkannt und erteilte derartigen Maßnahmen somit eine Abfuhr.
Doch hatten sie die Rechnung ohne ihren Präsidenten gemacht; denn George W. Bush kündigte bereits an, er wolle in diesem Punkt sein Veto einlegen, da er solche Machenschaften als ein unabdingbares Werkzeug betrachte, welches den Geheimdiensten wichtige Informationen im Kampf gegen den internationalen Terrorismus einzubringen vermöge.
Eine ziemliche Doppelmoral, wenn man bedenkt, dass diese eklatanten Verstöße gegen die Würde und die Freiheit von Menschen dazu dienen sollen, die Würde und die Freiheit der westlichen Völker zu schützen.
Im Zweifel für den Angeklagten
Zuletzt geriet Guantánamo Bay, im Sommer 2006, auch in Deutschland in den Mittelpunkt der medialen Berichterstattung. Der Grund hierfür war der Fall Murat Kurnaz´; dem in Bremen lebenden Deutsch-Türken, welcher auf der Suche nach seinen religiösen Wurzeln Pakistan bereist hatte und dort, im November 2001, von Sicherheitskräften an das US-Militär verkauft wurde. Auf diesem Wege geriet Kurnaz, Anfang 2002, nach Guantánamo wo er - fälschlicher Weise - als Terrorverdächtiger viereinhalb Jahre ohne Anklage und Rechtsbeistand gefangen gehalten wurde. Nach eigenen Angaben durchlebte er sowohl auf Kuba, als auch im afghanischen Kandahar Misshandlungen und Verhöre, an denen auch deutsche KSK-Truppen und Geheimdienstler beteiligt gewesen seien.
Als sich nach der Freilassung Murat Kurnaz´ein Untersuchungsausschuss mit diesen Vorwürfen befassen sollte, kam es jedoch zu einer ebenso fragwürdigen wie brisanten Panne.
Nach Angaben des Bundesverteidigungsministeriums seien nämlich alle Geheimberichte über Auslandseinsätze aus den Jahren 1999 bis 2003 durch technische Probleme vernichtet worden. Diese verschwundenen Datensätze umfassten unter anderem sämtliche geheimen Berichte des Bundesnachrichtendienstes, des Militärattachés im Ausland und Mitteilungen ausländischer Nachrichtendienste, zur Beurteilung der Lage in den Ländern, in denen die Bundeswehr zu jener Zeit eingesetzt wurde. Vor allem aber die Einsatzgebiete im Kosovo und in Afghanistan.
Somit beinhalteten die verlorengegangenen Beweismittel wohl auch die Bereiche, in denen Kurnaz schwere Vorwürfe gegen die deutschen Behörden erhoben hatte und legten einer lückenlosen Aufklärung dieser Ereignisse erhebliche Steine in den Weg.
Aber auch in der Angelegenheit des in München lebenden Ägypters Abdel-Halim Khafagy stellte der Verlust dieser Daten ein umfangreiches Hindernis dar.
Denn auch Khafagy war, im September 2001, von US-Einheiten in Bosnien festgenommen und nach Tuzla verschleppt worden, wo er unter schweren Misshandlungen zu leiden hatte. - Und auch in diesem Fall ist es nicht unwahrscheinlich, dass Verhöre durch ein “Allied Miltary Intelligence Batallion” vorgenommen wurden, an dem auch Angehörige des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) und des Bundeskriminalamtes (BKA) beteiligt gewesen sein könnten.
Das derartige “Pannen” jedoch keine Einzelfälle sind, offenbarte sich kürzlich durch die Meldung, dass nun Videomitschnitte, von CIA-Verhören in Guantánamo Bay, vorsätzlich gelöscht wurden. Auf diesen ( illegal ) vernichteten Bändern befanden sich unter anderem auch Szenen, in denen “harte Verhörmethoden” an den Insassen des Gefängnisses praktiziert wurden.
Der Wahnsinn hat also allem Anschein nach Methode. - Frei nach dem Motto: “Ohne Aufzeichnungen keine Beweise und ohne Beweise kein Richtspruch über die Verantwortlichen.”
Denn in unseren westlichen Demokratien gilt schließlich noch immer der Leitsatz: “Im Zweifel für den Angeklagten.”
Das dieser Leitsatz jedoch nur für die Angehörigen der westlichen Staaten zu gelten scheint und nicht auf die Inhaftierten Guantánamos angewendet wird birgt jedoch eine weitere, fragwürdige Doppelmoral in sich.
Es ist bereits alles gesagt worden
Das liegt jedoch alles in der Vergangenheit und das meiste von dem Geschriebenen ist einem Großteil der Menschen durchaus bekannt.
Es hat also den Anschein, als sei über Guantánamo tatsächlich bereits alles gesagt worden, was es zu sagen gibt.
Wir alle kennen Guantánamo. Wir alle wissen um die Verstöße gegen geltendes Völker- und Menschenrecht. Wir alle kennen die angegebenen Gründe für Guantánamo und glauben zu wissen, wer die Menschen sind, die dort ihr Dasein fristen. - Aber ist das auch tatsächlich richtig?
Wer sind denn nun eigentlich die Menschen, die dort in langjähriger Folterhaft sitzen und weder eine offizielle Anklage, noch einen Rechtsbeistand erhalten?
Man trifft dort Pakistani, Usbeken, Tadschiken, Afghanen, Araber, Tataren, Palästinenser, Jordanier; Jemeniten und noch etliche mehr.
Sie alle vereint nur ein Punkt - die Tatsache zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein. Denn knapp 90 Prozent der dort inhaftierten Menschen sind von Milizen oder Kopfgeldjägern, für eine durchschnittliche Ablösesumme von 3.000 US-Dollar, an das US-Miltär verkauft worden. Ein Umstand, der wohl maßgeblich dazu beigetragen haben dürfte, dass ein Gros dieser Männer eher aus einem unbescholtenen Leben gerissen wurde und nicht etwa zu den kämpfenden Truppen Al-Quaidas gezählt werden kann
Diese Annahme wird durch die Anzahl derer gestützt, die bereits wieder auf freien Fuß gesetzt worden sind. Mittlerweile haben nämlich bereits weit über 400 Personen den Albtraum Guantánamos hinter sich gelassen und sind in die Freiheit entlassen worden. - Jedoch nicht ohne zuvor dazu genötigt worden zu sein, ein Papier zu unterschreiben, auf welchem sie sich unter anderem dazu verpflichten nicht über ihre Erlebnisse im Lager zu berichten.
Sie alle erhielten weder eine Entschädigung, Rehabilitation noch eine offizielle Entschuldigung, für das Unrecht, das man ihnen angetan hat.
Natürlich erhielten sie nichts dergleichen - und selbstverständlich wurde ihnen nahegelegt besser nicht über das Erlebte zu sprechen.
Natürlich - möchte man meinen - weil die US-Führung dann zugeben müsste, dass sie dort lediglich einfache Leute gefangen hält - und keine Terroristen.
Daran vermag auch das fragwürdige Geständnis eines Chalid Scheich Mohammed nichts zu ändern, der nach jahrewährender Zermürbung durch psychische und physische Folter die Anschläge, vom 11. September 2001, von “A bis Z” gestanden haben soll.
Wie viel Gewicht ein Geständnis unter derartigen Umständen, im Gegensatz zu den hundertfach ruinierten Existenzen der anderen Gefängnisinsassen, hat bleibt jedoch weiterhin fragwürdig? Wie viel Glaubwürdigkeit besitzt es, wenn man bedenkt, dass sich Guantánamo Bay aus einem ausgeklügelten System von Bestrafung und Belohnung zusammensetzt, in welchem den Menschen Versprechungen von Freiheit oder bevorzugter Behandlung gemacht wird, wenn sie nur die Mitgliedschaft in einer Terrorzelle gestehen?
Das alles ist die inoffizielle Seite Guantánamos - die Schattenseite.
Um derartige Vorwürfe zu entkräften äußerte George W. Bush bereits mehrfach den Appell an die öffentliche Presse:
“Ich fordere jeden Journalisten dringend auf, sich dort unten selbst ein Bild davon zu machen, wie die Gefangenen behandelt werden!”
Doch war das einzige, was all jene Journalisten, die diesem heuchlerischen Aufruf tatsächlich Folge leisteten, zu sehen bekamen, nichts weiter als Public Relations.
Sie bekamen lediglich Camp 4 zu Gesicht, welches auch “Fattening Camp” genannt wird. Ein Name, den es auf Grund der Tatsache trägt, dass die dort inhaftierten Personen bereits kurz vor ihrer Freilassung stehen und zu diesem Zweck wieder an Gewicht zunehmen sollen.
Ferner war es den Presseleuten nicht erlaubt nahe genug an die Käfige heran zu treten, um mit den Gefangenen zu sprechen.
Einen zynischen Höhepunkt bot jedoch Außenminister Downer, als er, im Mai 2004, über die umfangreichen Foltervorwürfe sagte, dass man nicht einfach alles behaupten könne, ohne dafür stichhaltige Beweise liefern zu können.
Man behauptete sogar, dass derartige Beschuldigungen von Al-Quaida initiiert würden, um dem Ruf Amerikas in der Weltöffentlichkeit zu schaden.
Zynisch sind derartige Aussprüche vor allem auf Grund der Tatsache, dass auch die Amerikaner keine Beweise für ihre Vorwürfe und Maßnahmen zu liefern brauchen und das sie die Betroffenen abermals in Verbindung zu Al-Quaida setzen - obwohl man sie auf Grund der nachweislich fehlenden Verbindung zu irgendwelchen Terrornetzwerken wieder hatte laufen lassen - nur weil sich diese Menschen über die Missachtung ihrer Menschenrechte beklagt hatten.
Das sich die Insassen Guantánamos aber in Wahrheit in regelmäßigen Hungerstreiks befinden, welche teilweise über Monate andauern oder in letzter Konsequenz sogar versuchen sich selbst das Leben zu nehmen, um ihrer entwürdigenden und menschenverachtenden Behandlung zu entrinnen, wird in derartigen Verlautbarungen natürlich geflissentlich verschwiegen. - Und kritisch nachgefragt wird hier eher nur noch sporadisch.
Es hat fast den Anschein, als habe Guantánamo in den Augen der Presse bereits seine Halbwertzeit der Aktualität überschritten und müsse daher nicht mehr als der Skandal wahrgenommen werden, welchen es für eine rechtsstaatliche Demokratie de facto darstellt.
Doch stürzt sich eben diese Presse erstaunlicherweise auf den Einzelfall des in der Türkei inhaftierten Marko und beklagt in nicht abflauender Beharrlichkeit die “menschenunwürdigen Haftbedingungen” und die “ungeheure Tatsache, dass es nach acht Monaten noch immer zu keinem richtigen Verfahren gekommen sei.”
Dies sind zwar alles ernstzunehmende und richtige Vorwürfe, doch ist es erstaunlich, dass das Schicksal von hunderten Menschen, die über Jahre hinweg ähnliches - Und noch weitaus schlimmeres! - erleiden müssen keinen derartigen Ansturm der Entgeisterung in den Köpfen der Menschen zu erzeugen vermag.
Guantánamo ist kein Einzelfall
Weitaus unbekannter ist hingegen die Tatsache, dass es neben dem Gefangenenlager auf Guantánamo Bay auch noch zahlreiche weitere geheime Internierungsanstalten gibt, welche unter dem Namen “Black Sites” bekannt geworden sind.
Stephen Toobe, Mitglied der UN Working Group on Enforced and Involuntary Disappearances, spricht in diesem Zusammenhang davon, dass Guantánamo lediglich
“(…)die winzige Spitze des Eisberges(…)
darstelle.
Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass sich die Gesamtsumme der Prisoners of War auf eine geschätzte Anzahl von circa 65.000 Menschen belaufen müsse. Unter diesen Gefangenen sollen sich insgesamt etwa 13.000 Personen befinden, die in geheimen Haftzentren eingesperrt, von Ort zu Ort gebracht werden und dabei einer permanenten Desorientierung und Folterung unterworfen sind.
Zu derartigen Einrichtungen zählen die inzwischen - mehr oder weniger - bekannt gewordenen Lager in Bagram, Kandahar oder das im in Tuzla. Aber auch in Rumänien und Bulgarien werden solche Black Sites vermutet.
Die Art und Weise, in welcher mit den Insassen einer solchen Einrichtung verfahren wird, solange diese noch nicht dem Licht der Öffentlichkeit preisgegeben sind, lässt sich jedoch nur erahnen. Doch bieten die skandalösen Haftbedingungen und menschenverachtenden Foltermaßnahmen im Falle des irakischen Gefängnisses Abu Ghuraib hierfür wohl einen adäquaten Anhaltspunkt.
Aber auch das umfassende Protokoll von Farag Ahmad Bashmilah, welches er über seine Behandlung und die Örtlichkeiten in einem afghanischen Geheimgefängnis angefertigt hat, bietet in dieser Angelegenheit einige erschreckende Einblicke.
Dieses Protokoll ist inzwischen gerichtlich aktenkundig und in deutscher Sprache auf world.content.today.net verfügbar. ( Das Original erschien im Magazin Salon.com. )
Farag Ahmad Bashmilah ( Betreiber eines Bekleidungsgeschäftes ) war im Herbst 2003 von Indonesien nach Jordanien gereist, um seine dort lebende Mutter zu besuchen. Der Sinn dieser Reise war es, ihr einen herzchirurgischen Eingriff im Krankenhaus von Amman, zu arrangieren. Da Bashmilah seinen Reisepass verloren hatte, wurden ihm Ersatzpapiere ausgestellt, in denen jedoch ein Stempel fehlte - was letzten Endes auch der ausschlaggebende Grund für seine Verhaftung sein sollte.
Am 26. Oktober 2003 wurde er an die CIA übergeben und in ein afghanisches Geheimgefängnis gebracht. ( Flugaufzeichnungen beweisen das er nach Kabul gebracht wurde und dass die Maschine aus Washington kam und sowohl in Prag, als auch in Bukarest zwischenlandete. )
Nach sechs Monaten wurde er in ein weiteres Lager verlegt, wo er mehr als ein Jahr, ohne Anklage und vollkommen entrechtet, eingesperrt blieb.
Hier spricht Guantánamo
“Über Guantánamo ist alles gesagt. Bis auf das, was die Häftlinge zu sagen haben.”
So lauten die einleitenden Sätze des Buches “Hier spricht Guantánamo”; von Roger Willemsen; welche sich wie ein roter Faden durch das gesamte Vorwort ziehen. - Sätze, mit denen er die Tatsache beklagt, dass ausführliche Interviews über die Herkunft der Häftlinge; deren qualvolle Wege durch die verschiedenen Lager und Einrichtungen, die in Guantánamo gemachten Erfahrungen, die Verhöre, Prozesse, Freilassungen und die späteren Versuche der Rehabilitation; in der westlichen Presse merkwürdig unterrepräsentiert sind.
Stattdessen machte er sogar die Beobachtung, dass teilweise - wider besseren Wissens - die Gefährlichkeit der dort Inhaftierten betont und eine vermeintlich menschwürdige Behandlung suggeriert wird - dass Guantánamo allenfalls als eine Irritation anstatt als ein Skandalon wahrgenommen werde.
Wahrscheinlich waren es auch gerade diese Eindrücke, welche Willemsen zu der Aussage verleiteten:
“(…) sollte die Presse frei sein, dann hätte sie von dieser Freiheit gerade im Fall Guantánamo mehr Gebrauch machen müssen - und zwar nicht nur zum Nachweis der eigenen Unabhängigkeit.”
In diesem; in vielen Belangen erhellenden und lesenswerten; Buch begibt sich Willemsen daher auch konsequent auf die Spurensuche eben jener Menschen, die die Schrecken Guantánamos am eigenen Leib erfahren haben. Doch geht es ihm dabei nicht um die Schilderung von größtmöglicher Gräuel, sondern viel eher um die Authentizität der jeweiligen Einzelschicksale, wodurch fünf ausführliche Interviews mit ehemaligen Häftlingen entstanden sind.
Er erzählt die Geschichte des Jordaniers Khalid Mahmoud al-Asmar, der lange Zeit als Mitarbeiter der Hilfsorganisation “Al Harameen” in Afghanistan tätig gewesen ist und später als Gewürzhändler arbeitete. Khalid Mahmoud floh mit seiner Familie ( Frau und sieben Kinder ) vor dem Krieg über die pakistanische Grenze und wurde dort von Milizen verhaftet und an die Amerikaner gegen eine Summe von 5.000 US-Dollar verkauft.
Seine Verschleppung nach Guantánamo erklärt sich der Jordanier heute durch seine Namensähnlichkeit zu Khalid Mohammed al-Sheek, dem vermeintlichen 20 Attentäter vom 11. September.
Al-Asmars Martyrium seiner Verschleppung sollte ihn letztlich von Peshawar, in Pakistan, über Bagram und Kandahar, nach Guantánamo Bay führen und nicht weniger als dreieinhalb Jahre dauern.
Ebenfalls in Peshawar verhaftet wurde auch der jordanische Palästinenser Hussein Abdulkader Youssef Mustafa - ein von der UNO anerkannter Flüchtling und ehemaliger Lehrer der Religion und des Arabischen. Er vermutet, dass ihn die pakistanischen Sicherheitskräfte einzig und allein aus dem Grund an die Amerikaner übergaben, um ihnen so ihre uneingeschränkte Solidarität zu demonstrieren.
Auch er wurde über einen Zeitraum von nicht weniger als 26 Monaten verschleppt und gelangte auf diesem Wege ebenfalls nach Kandahar, nach Guantánamo und später für weitere 4 Monate nach Bagram.
Timur Ischmuradow ( Ingeneuer ) und Ravil Gumarow ( Unternehmer ) sind beide russische Staatsbürger, tatarischer Abstammung. Sie lernten sich in Guantánamo kennen und kamen beide auf der Suche nach einem muslimischen Staat in dem sie wohnen und arbeiten könnten, nach Afghanistan.
Ihnen ist ebenfalls gemein, dass sie schließlich vor den Wirren des Afghanistankrieges fliehen mussten und so in die Hände der Amerikaner fielen.
Ravil Gumarow berichtet in eindringlicher Weise von den Schrecken, welche er während des Massakers in Mazar-e Sharif ( bei der Niederschlagung der Gefangenenrevolte in der Festung Qala Jangi ) erlebte, bei der er selbst schwer verletzt wurde.
Timur und Ravil verbrachten beide circa zwei-einhalb Jahre in US-amerikanischer Gefangenschaft, doch endete für sie der Albtraum nicht mit ihrer Entlassung. Als Terroristen gebrandmarkt und in keiner Weise rehabilitiert wurden sie an die russischen Behörden überstellt, wo sie jeweils weitere vier Monate in Haft verbringen mussten ( wegen illegalen Übertretens der Grenze und Beteiligung an Kampfhandlungen ). Ravil Gumarow erzählt sogar davon, dass er noch immer unter permanenter Überwachung stehe und sich deshalb sogar von seiner Familie getrennt habe.
Den letzten Beitrag des Buches leistet der Afghane Abdulsalam Saif; ein studierter Mann und früherer Ökonom. Abdulsalam Saif war früher Pressesprecher der Taliban und später Botschafter in Pakistan und wurde trotz seiner diplomatischen Immunität an die USA ausgeliefert. In Guantánamo war er zeitweise in der Rolle des Fürsprechers der Gefangenen.
Seine Haft belief sich auf insgesamt 1 Woche in Pakistan, 1 Monat in Bagram, 3 Monate im Lager von Kandahar und schließlich circa 4 Jahre in Guantánamo.
So unterschiedlich all diese Schicksale auch sein mögen, so haben sie doch vieles gemein. - Womit hier nicht die beinahe einhelligen Berichte über Schläge, stundenlanges Knien und Hocken, über schlechte oder gar fehlende Hygieneeinrichtungen, Koranschändungen, Behinderungen bei der Befolgung der Gebetszeiten durch das laute Abspielen der amerikanischen Nationalhymne, sexuelle Nötigungen durch das weibliche Wachpersonal, Hitze- und Kältefolter, Isolationshaft, Willkür oder die Abschirmung von der Außenwelt gemeint sind!
Die Geschichten ähneln sich auch darin, dass alle fünf Personen unschuldig für viele Jahre aus ihren Familien und Berufen gerissen wurden und eine jahrelange Inhaftierung unter völker- und menschenrechtswidrigen Umständen erleiden mussten. Zum Anderen aber auch darin, dass ihr Leidensweg mit ihrer Entlassung nicht geendet ist.
Sie klagen ausnahmslos über psychische und/oder physische Folgeschäden. Es finden sich bei ihnen Symptome wie Schlaflosigkeit, Ermattung, Lustlosigkeit, Beklemmung, unkontrollierte und unangebrachte Wutausbrüche, Konzentrationsschwächen oder Angstbefinden. Aber auch von immer wiederkehrenden Rückenleiden oder fehlender Kontrolle über einen Finger ( er wurde in Gefangenschaft gebrochen ) ist die Rede. Bemerkenswert erscheint ebenfalls, dass jeder von ihnen heute arbeitslos ist und das einige sogar hoch verschuldet sind. Der Umgang mit ihren sozialen Kontakten erweist sich als weitaus schwieriger als vor ihrer Inhaftierung und Verschleppung und in einem Fall kam es sogar zur Trennung von der Familie.
Das alles sind die Folgeerscheinungen von Guantánamo, denen in den Medien so wenig Platz eingeräumt wird und die Roger Willemsen in seinem Buch “Hier spricht Guantánamo” schildert.
Ähnlich den in diesem Buch skizzierten Schicksalen verhält es sich auch mit der Geschichte des oben erwähnten Farag Ahmad Bashmilah. Denn auch er wurde ohne Erklärung, Prozess oder Verfahren wieder aus der Haft entlassen - als gebrochener Mann.
Er leidet bis heute an den psychischen Schäden, welche er durch seine Haft davongetragen hat und befindet sich nun in ärztlicher Behandlung.
Seine Rechtsanwältin und Professorin an der New Yorker University School of Law, Margaret Satterthwaite, sagt dazu folgendes:
“Dieser Fall zeigt die tatsächlichen Auswirkungen des “CIA-Rendition-Programmes” auf den Menschen und wie Menschenleben dadurch ruiniert werden. Es geht um psychologische Folter und um die Erfahrung des spurlosen Verschwundenseins.”
Nach all diesen Berichten und der offenkundigen Sinnlosigkeit der angewendeten Maßnahmen stellt sich umso dringender die Frage, warum die US-Administration nicht längst von Guantánamo abgerückt ist und eine Schließung des Lagers veranlasst hat.
Roger Willemsen stellt eine derartige Frage auch an seinen Interviewpartner, Abdulsalam Saif, welcher darauf eine ebenso erschreckende, wie plausible Antwort findet:
“Es ist alles politisch. Sie schnappen sich ein paar Leute, werfen sie ins Gefängnis, sperren sie da für lange Zeit ein und machen Propaganda gegen sie, sagen, wir haben Terroristen geschnappt und machen immer weitere Fortschritte im Kampf gegen den Terrorismus, und wenn sie jetzt alle Häftlinge entließen und die keinen Prozess bekämen, würden die Leute wohl fragen: Wo sind denn nun die Terroristen? Warum habt ihr so viel Geld in die Aufrechterhaltung dieses Lagers gesteckt? Warum habt ihr solche Schande über Amerika gebracht, mit diesem Lager?
Aus diesem Grund haben sie die Häftlinge unterschreiben lassen, dass sie nichts sagen werden. Aus diesem Grund halten sie alles so geheim wie irgendmöglich, aus diesem Grund setzen sie ohne Indizien, ohne Beweise, ohne Urteil alles daran, die eigene Regierung, das eigene Volk und andere Völker und deren Regierungen davon zu überzeugen, dass sie keine Fragen stellen und keine Aufklärung verlangen sollen, damit niemand genau erfährt, was hier eigentlich los ist. Denn wenn sie die Gefangenen vor Gericht stellen würden, würden diese freigesprochen werden. Das ist der wahre Grund dafür, dass sie nicht vor Gericht gestellt werden.”
Auf die wenig später gestellte Frage, was von außen für die Häftlinge getan werden könne, fällt Saifs Antwort zwar wesentlich kürzer, aber dennoch nicht weniger einleuchtend aus:
“Respekt zeigen. Abgesehen davon gibt es eine einzige Sache, die geschehen muss: die Amerikaner müssen die Gesetze der internationalen Gemeinschaft respektieren, sonst nichts. Wenn sie diese respektieren werden alle freigelassen und keiner bleibt. Wenn sie sie nicht respektieren, ist es Unterdrückung. Es muss mehr Proteste geben.”